1. 1.
Mit dem Inkrafttreten des 1896 verabschiedeten Bürgerlichen Gesetzbuchs
(BGB) und des Handelsgesetzbuchs verfügt das Deutsche Reich erstmals
über eine einheitliche Gesetzgebung.Das Invalidenversicherungsgesetz
tritt in Kraft; es regelt zugleich die Altersversicherung.
10. 1.
Auf der Vulkanwerft in Stettin läuft in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm
II. das Handels- und Passagierschiff "Deutschland" vom Stapel. Mit
208,5 m Länge, 20,4 m Breite und 33.000 PS ist der Doppelschraubendampfer
das größte und stärkste deutsche Schiff.
14. 1.
Uraufführung der Oper "Tosca" von Giacomo Puccini (1858-1924)
in Rom.
25. 1.
Der Entwurf zum zweiten Tirpitzschen Flottengesetz wird veröffentlicht.
Er sieht eine Verdopplung der deutschen Hochseeflotte bis 1917 vor.
28. 1.
In Leipzig wird der Deutsche Fußball Bund (DFB) gegründet. An der
Gründungsversammlung nehmen 68 Vereine teil, darunter auch deutsche Vereine
aus dem Ausland.
Februar
9. 2.
Anläßlich eines Länderkampfes zwischen den USA und Großbritannien
stiftet der amerikanische Tennisspieler Dwight Filley Davis einen Silberpokal.
Er wird fortan als "Davis-Cup" jährlich zwischen den besten
Ländermannschaften der Welt ausgespielt.
17. 2.
Nach langwierigen Verhandlungen mit den USA und Großbritannien errichtet
das Deutsche Reich in West-Samoa sein drittes "Schutzgebiet" im
Südseeraum.
24. 2.
Der deutsche Physiker und Erfinder Martin Leo Arons (1860-1919) wird wegen
seiner Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie von seiner Lehrtätigkeit
an der Berliner Universität suspendiert.
27. 2.
In London wird auf einer Gewerkschaftskonferenz das Labour Representation
Committee gegründet, aus dem 1906 die Labour Party hervorgeht.
28. 2.
Im Großherzogtum Baden werden erstmals in Deutschland Frauen ohne Einschränkungen
zum Hochschulstudium zugelassen.
März
6. 3.
Tod des Ingenieurs Gottlieb Daimler in Stuttgart-Cannstatt.
13. 3.
Im Burenkrieg erobern britische Truppen den Oranje-Freistaat.
Der Fund der Leiche eines Schülers in Konitz (Westpreußen) führt
zu antisemitischen Ausschreitungen.
Das Militär greift ein.
14. 3.
Die Vereinigten Staaten führen den Goldstandard ein.
23. 3.
Beginn der Ausgrabungen der minoischen Kultur auf Kreta.
19. 3.
Feier zum 200jährigen Bestehen der Preußischen Akademie der Wissenschaften
in Berlin.
23. 3.
Beginn der Ausgrabungen am Palast von Knossos auf Kreta durch den britischen
Archäologen Arthur John Evans (1851-1941).
April
1. 4.
Im Deutschen Reich tritt eine neue Fernsprechgebührenordnung in Kraft.
Ein Dreiminutengespräch innerhalb einer 25-km-Zone kostet 20 Pfennig,
über eine Entfernung von mehr als 1.000 km zwei Mark. Deutschland verfügt
zu diesem Zeitpunkt über rund 1.000 Fernsprecheinrichtungen mit fast
200.000 Anschlüssen.
14. 4.
In Paris wird die 13. Weltausstellung eröffnet. Deutschland ist mit der
elektrischen Versorgung der gesamten Weltausstellung beauftragt. Daneben präsentieren
sich Firmen wie die Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG), Siemens
und MAN (Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG). Trotz der Rekordbesucherzahl
von 47 Millionen schließt die Veranstaltung mit einem großen finanziellen
Defizit.
Deutsche Erstaufführung von Henrik Ibsens Schauspiel "Gespenster".
Mai
6. 5.
Zu den Feiern der Mündigkeitserklärung (18. Geburtstag) des deutschen
Kronprinzen Wilhelm (1882-1951) weilen der österreichische Kaiser Franz
Joseph I. und führende Repräsentanten aller deutschen und europäischen
Höfe in Berlin.
9. 5.
In Berlin eröffnet Max Liebermann die zweite Ausstellung der Berliner
Secession. Die 1898 gegründete Künstlervereinigung verhilft dem
Impressionismus in Deutschland zum Durchbruch. Es werden 420 Werke gezeigt,
darunter viele von ausländischen Künstlern.
18. 5.
In China eskaliert der Boxeraufstand, der sich gegen den wachsenden Einfluß
der imperialistischen Mächte und die Ausbreitung der christlichen Religion,
aber auch gegen die eigene reaktionäre Regierung richtet. Bei Ausschreitungen
in verschiedenen Städten kommen 73 Menschen ums Leben.
22. 5.
Die vom Reichstag beschlossene "Lex Heinze" weitet die Zensur aus.
Nach dem Mordprozeß gegen das Zuhälterpaar Heinze wird der Staftatbestand
der Zuhälterei eingeführt. Zugleich werden die Strafbestimmungen
des Jugendschutzes und die Strafandrohungen wegen "Verbreitung unsittlicher
Schriften" verschärft.
24. 5. - 28. 10.
Im Rahmen der Weltausstellung finden in Paris die II. Olympischen Spiele statt.
An den Wettkämpfen in 16 Sportarten nehmen 1.344 Aktive - darunter erstmals
12 Frauen - aus 22 Ländern teil.
28. 5.
In Südafrika wird der Oranje-Freistaat zur britischen Kolonie erklärt.
Juni
2. 6.
Ein vom französischen Präsidenten Pierre Waldeck-Rousseau (1846-1904)
vorgelegtes Amnestiegesetz beendet alle noch laufenden Verfahren im Zusammenhang
mit der Dreyfus-Affäre. Damit wird die von Alfred Dreyfus angestrebte
Wiederaufnahme seines Verfahrens verhindert. Erst 1906 hebt ein Kassationshof
das Urteil gegen ihn auf.
12. 6.
Der Reichstag nimmt mit 201 gegen 103 Stimmen das neue Flottengesetz an. Durch
die deutsche Aufrüstung verschiebt sich das Kräfteverhältnis
zur britischen Flotte allmählich von 1:2 auf 2:3.
16. 6.
Der Elbe-Trave-Kanal (Elbe-Lübeck-Kanal) wird nach vierjähriger
Bauzeit im Beisein von Wilhelm II. eröffnet. Die Fahrzeit von Lauenburg/Elbe
nach Lübeck verkürzt sich durch den 67 km langen Kanal von mehr
als sieben Tagen auf nur noch 20 Stunden.
20. 6.
Während des Boxeraufstands in China wird der deutsche Gesandte Klemens
Freiherr von Ketteler (1853-1900) in Peking auf offener Straße erschossen.
Die Übergriffe auf ausländische Vertretungen veranlassen die Großmächte
zur militärischen Intervention.
Juli
2. 7.
Graf Ferdinand von Zeppelin startet in Friedrichshafen am Bodensee seine erste
Versuchsfahrt mit einem lenkbaren Luftschiff: Das "LZ1" ist 128
m lang und erreicht eine Geschwindigkeit von 32,4 km/h.
5. 7.
Die "Deutschland" erhält das "Blaue Band des Ozeans"
für die schnellste Überquerung des Atlantik. Sie erreicht eine Durchschnittsgeschwindigkeit
von 23,61 Knoten (44 km/h).
10. 7.
Das erste Handelsabkommen zwischen Deutschland und den USA wird in Washington
unterzeichnet. Es gewährt für ausgewählte Waren Zollvergünstigungen
bei der Einfuhr in die USA.
19. 7.
In Paris wird die erste U-Bahn-Strecke in Betrieb genommen. Die Linie ist
10,6 km lang und hat 16 Bahnhöfe. Die Pariser Metro ist nach London und
Budapest die dritte europäische Untergrundbahn.
27. 7.
Bei der Verabschiedung der zur Niederschlagung des Boxeraufstands bereitstehenden
deutschen Truppen ruft Wilhelm II. zu einem rücksichtslosen Rachefeldzug
gegen die aufständischen Chinesen auf. Die "Hunnenrede" des
Kaisers wird auch im Ausland abgelehnt.
29. 7.
König Humbert I. von Italien (1844-1900) wird von einem Anarchisten erschossen.
August
3. 8.
Preußen verbietet die Verbreitung sozialdemokratischer Schriften in
der Armee und die Beteiligung von Militärangehörigen an sozialdemokratischen
Versammlungen.
7. 8.
Tod des Politikers Wilhelm Liebknecht in Charlottenburg bei Berlin.
15. 8.
Die internationale Streitmacht zur Niederschlagung des Boxeraufstands zieht
in Peking ein und befreit die belagerten ausländischen Vertretungen.
25. 8.
In geistiger Umnachtung stirbt der Philosoph Friedrich Nietzsche in Weimar.
September
1. 9.
Das erste deutsche Transatlantik-Telegraphenkabel wird mit einem Depeschenwechsel
zwischen Kaiser Wilhelm II. und US-Präsident William McKinley (1843-1901)
in Betrieb genommen.
13. 9. Der Mediziner Hermann Hartmann gründet mit 20 weiteren Ärzten
den "Verband der Ärzte Deutschlands zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen
Interessen den späteren Hartmannbund. Dem Bund gehören 1911 bereits
fast 80 Prozent aller Ärzte an.
16. 9. In Mainz beginnt der 11. Parteitag der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands (SPD). Ein herausragendes Thema sind die Frauenrechte.
19. 9.
Der Oberbefehlshaber der britischen Truppen in Südafrika, Frederic Sleigh
Roberts (1832-1914), erklärt den Burenkrieg für beendet. Versprengte
Gruppen der Aufständischen setzen den Kampf gegen die Briten fort. Für
die Internierung der Aufständischen errichten die Briten Konzentrationslager.
27. 9.
Der preußische Generalfeldmarschall Alfred Graf von Waldersee übernimmt
den Oberbefehl über das internationale "Expeditionskorps" in
China, zu dem mittlerweile 24.000 Deutsche gehören. Im Rahmen von "Strafexpeditionen"
kommt es zu zahlreichen Übergriffen.
29. 9.
In München wird der Neubau des 1855 gegründeten Bayerischen Nationalmuseums
eingeweiht. Unter Prinzregent Luitpold (1821-1912) erlebt München eine
Blütezeit als Kunst- und Kulturstadt.
Oktober
1. 10.
In Deutschland treten neue Bestimmungen der Reichsgewerbeordnung in Kraft.
Sie regeln u.a. den Ladenschluß (von 21.00 bis 5.00 Uhr müssen
alle Geschäfte geschlossen sein) und schreiben eine zehnstündige
tägliche Mindestruhezeit für Lehrlinge und Gehilfen vor.
Im russischen Großfürstentum Finnland wird Russisch als Verwaltungssprache
eingeführt.
16. 10.
Das Deutsche Reich und Großbritannien vereinbaren im Jangtse-Abkommen
das gegenseitige Respektieren ihrer Handelsinteressen und verzichten auf territoriale
Ansprüche gegenüber China.
17. 10.
Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst tritt
aus Altersgründen zurück; sein Nachfolger wird Bernhard Graf von
Bülow.
18. 10.
In Leipzig wird unweit des historischen Schlachtfeldes von 1813 der Grundstein
für das Völkerschlachtdenkmal gelegt.
25. 10.
Erste öffentliche Fahrt der Schwebebahn in Barmen/Wuppertal.
November
1. 11.
Frankreich tritt dem Jangtse-Abkommen bei.
19. 11.
Reichskanzler Bülow fordert vom Reichstag die nachträgliche Bewilligung
der Kosten für das deutsche "Expeditionskorps" zur Niederschlagung
des Boxeraufstands in Höhe von 152 Millionen Mark.
22. 11.
Tod des Operettenkomponisten Arthur Seymour Sullivan (1842-1900) in London.
29. 11.
Die antisemitischen Abgeordneten des Reichstags konstituieren sich nach der
im September erfolgten Spaltung der Deutsch-Sozialen Reformpartei als Freie
wirtschaftliche Gruppe.
30. 11.
Tod des britischen Schriftstellers Oscar Wilde (1854-1900) in Paris.
Dezember
1. 12.
Eine Volkszählung im Deutschen Reich ermittelt 56.345.014 Einwohner.
Das entspricht einem Bevölkerungszuwachs von insgesamt 7,78 Prozent in
den letzten fünf Jahren.
2. 12.
Der Präsident der von Großbritannien annektierten Republik Südafrika,
Paulus "Ohm" Krüger (1825-1904), wird in Köln von der
Bevölkerung begeistert begrüßt. Ein offizieller Empfang in
Berlin findet aus Rücksicht auf die Beziehungen zu Großbritannien
nicht statt.
16. 12.
Wilhelm II. empfängt im Berliner Zeughaus das erste Kontingent der aus
China zurückkehrenden Soldaten. Er lobt deren Mut und Disziplin bei der
Niederschlagung des Boxeraufstands. Demgegenüber regt sich in der Presse
und im Reichstag Protest gegen das brutale Vorgehen der deutschen Truppen.